Hol das Stöckchen!

Dienstag, 26. November 2013

Der da|\/|ax-Kettenbrief

Filed under: Stöckchen — 124c41 @ 17:05

Huch, so lange gab es kaum tieffliegende Stöckchen unter den Bloggenden, so dass ich mich instinktiv zu ducken beginne, wenn eines seine Bahn durch den virtuellen Raum zieht. Aber ich habe mich ja noch schnell emporgehüpft, zu fangen, was das Holz an Fragen stellt. Gleich hier vergraben, das Stöckchen…

1. Warum bloggst du?
Ich blogge aus einem ähnlichen Grund, aus dem ich scheiße, pisse und manchmal kotze: Weil etwas raus muss. Im Gegensatz zu den Produkten, die bei der Verdauung oder ihrer gelegentlichen Vermeidung entstehen, gibt es jedoch beim Bloggen Menschen, die aus für mich unerfindlichen Gründen lesen, was da aus mir herausquoll. Meine Hypothese: Während die Verdauung in Magen und Darm Stinkendes hervorbringt, bringt die Verdauung des Gehirnes wenigstens zuweilen Wohlgerüche hervor.

2. Warum würdest du damit aufhören? Hast du schon einmal übers Aufhören nachgedacht?
Ich habe übers Aufhören nachgedacht, seit ich blogge und Leser habe. Ich habe darüber nachgedacht in einer Zeit, als fast zehn Prozent meiner menschlichen Leser von Google kamen und den Suchbegriff „ficken im schlamm“ mitbrachten. Ich habe darüber nachgedacht, als ich jeden Tag mehrere tausend Spamkommentare löschte. Ich habe darüber nachgedacht, als irgendwelche Scheißfirmen meine RSS-Feeds abgriffen und tonnenweis die Google-Ads drumherumsprenkelten, um mit meinem Schreiben Geld zu verdienen und als Google das Geschäftsmodell dieser Scheißfirmen scheißegal war. Ich habe darüber nachgedacht, als das Baseblog zugemacht hat. Ich habe darüber nachgedacht, als Menschen wegen Fotos von Brötchen existenzbedrohende Rechtsangelegenheiten am Halse hatten. Ich habe darüber nachgedacht, als Arschlöcher aus der Contentindustrie davon zu blahfaseln begannen, dass Bloggen der neue Journalismus sei. Ich habe darüber nachgedacht, als ein krebskranker Freund, der mir Webspace zur Verfügung stellte, mit scharfen Anwaltsbriefen belästigt wurde und deshalb existenzielle Angst bekam. Ich habe darüber nachgedacht, als Bloggen gehypet wurde, und ich habe darüber nachgedacht, als die Leute lieber zu blauzwitscher Twitter und däumchenhoch Facebook rübergingen, als die Produktionsmittel für ihren Netzauftritt unter eigener Kontrolle zu haben. Ich habe darüber nachgedacht, als Freunde von mir von der Polizei besucht wurden. Ich habe darüber nachgedacht, als unter der knallenden Jurapeitsche der Bimbesrepublik Abmahnistan eine tolle Website nach der anderen verschwand, während die Ödnis und Dummheit unberührt weiterging. Ich habe darüber nachgedacht, als ich jeden Tag gefühlte dreißig Kommentare von Leuten las, die ihr darbendes Selbstwertgefühl damit zu sättigen versuchten, dass sie mich im gröberen oder feineren Ton beleidigten und runtermachten. Ich habe darüber nachgedacht, als das Leistungsschutzrecht für Presseverleger eingeführt wurde, das mein „Nachtwächter-Blah“ zerstörte. Ich habe als Ergebnis dieses Denkens immer wieder einzelne Blogs eingestellt, und auf anderen Blogs weitergemacht, ganz so, wie man die nächste Toilette nimmt, auch wenn sie nicht die Gemütlichste ist. Ich sehe vor mir, dass ich schon in Kürze überhaupt keine Seite mehr im Rechtsraum der BRD betreiben werde. Ich werde weiter defäkieren, bis sich unter einsamer Agonie und einer höllischen Mischung aus Angst und Schmerz der letzte Schiss aus mir rausdrückt. Und. Ich werde eine lauten Fluch über alle Bedrücker, Enteigner, Überwacher, Verknaster, Entrechter, Politiker, Anwälte und Scheißjournalisten hinterherschleudern, mit gebrochener Stimme in die Flammen, in das Nichts.

3. Was hat sich in Deinem Leben durch die Bloggerei verändert?
Es ist etwa so, als ob man eine Kamera bei sich trägt. Ganz ähnlich, wie das Auge mit dem Werkzeug des Objektivs und einer lichtempfindlichen Fläche die Möglichkeit erhält, einen Blick festzuhalten und sich zu merken oder mitzuteilen, und wie der Sucherblick dann Motive für Fotos sucht, sucht der Geist Motive zum Bloggen. Und. Er. Findet. (Nicht immer, aber immer oft genug.) Auch habe ich Menschen kennengelernt, richtige Menschen aus Fleisch und Blut, die mir gezeigt haben, dass ich in meinem Elend nicht allein bin. Und. In. Alledem. Hat sich nichts, nichts, nichts verändert.

4. Was war das Tollste, das dir mit Deinem Blog widerfahren ist?
Einmal war es schwierig, den Webspace für „Schwerdtfegers weblog – tagebuch eines marginalisierten der globalisierung“ zu finanzieren, ich bloggte darüber, und bislang wildfremde Menschen, die mich nur kannten, weil sie mich lasen, finanzierten mir das Weiterbloggen. Wenn man sich jeden Tag mühsam sein Essen zusammenbettelt (und im Moment möglichst viel Aufenthalt in möglichst warmen Räumen), ist so eine Entwicklung wirklich unerwartet und erfreulich.

5. Welches Erlebnis im Zusammenhang mit Deinem Blog möchtest Du nie wiederholen?
Ich möchte mich nie wieder, nicht einmal auf die abstrakte Ferne einer Datenleitung, mit irgendwelchen Elendsschreiberlingen der Presse auf der Suche nach vermarktbaren Content auseinandersetzen. Dieses herz- und hirnlose, menschenverachtende Pack ist schlimmer als jeder Nazi, mit dem ich es bislang zu tun hatte.

6. Was ist das Geilste diesem Internet?
Dass es nichts gibt, was es nicht gibt.

7. Was nervt dich am meisten an diesem Internet?
Dass es zu viel gibt, was es nur gibt, weil Menschen damit Geld machen wollen, diese bedruckten Zettel, die die Menschen irre machen.

8. Mal angenommen, du wärst König/in der Welt. Welche Gesetze führst du zuerst ein und welche existierenden schaffst du ab (je maximal 3)?
Ich schaffte als erstes jedes Recht auf so genanntes „geistiges Eigentum“ ab, denn wer seine „Geistesgüter“ behalten will, der behalte sie in seiner Hirndunkelkammer — wenn dabei Monsanto, Apple, Microsoft, Springer, Sony Music und Amazon pleitegingen, wäre mir das nur recht. Als zweites schaffte ich jedes Gesetz ab, das die Anwendung irgendeiner Droge kriminalisiert (wobei ich Reglementierungen durchaus einsehe), um der organisierten Kriminalität diesen Geldquell zu nehmen. Als drittes schaffte ich jedes Gesetz ab, das „Staatsgeheimnisse“ definiert, also Dinge, die so ein Gewaltstaat vor seinen eigenen Bürgern mit Gewalt verheimlichen kann. Dafür führte ich drei neue Gesetze ein: Erstens erklärte ich Infrastruktur für unprivatisierbar und eine Sache, für die der Staat zu sorgen hat und die den Menschen so gut wie möglich verfügbar sein muss. Ich würde also Infrastruktur verstaatlichen und aus der Willkür des betrügerischen Marktes herausnehmen, und dazu zähle ich Informationszugang, Verkehrswege, Bankwesen, Wohnungen, Wasser, Strom, Bildung und noch eine Menge, die mir erst einfallen wird, wenn ich Weltkönig bin. Als zweites führte ich ein Gesetz ein, dass Menschen, die aus irgendeinem Grund der Gemeinschaft, also anderen Menschen, dienen (als Arschabwischer in der Pflege, als Programmierer freier Software, als nicht-kommerzielle Künstler und noch mehr) dafür eine bedingungslose Grundsicherung ihrer elementaren Lebensbedürfnisse bekommen. Und als drittes führe ich ein Gesetz ein, dass jeder Politiktreibende in voller Höhe persönlich haftbar für die gesellschaftlichen Folgen seines Tuns und Lassens ist — und dass er, nachdem er zum zweiten Male in seiner Laufbahn einem Gesetz zugestimmt hat, dass sich als verfassungswidrig erweist, alle bürgerlichen Ehrenrechte, darunter auch das aktive und passive Wahlrecht, auf Lebenszeit verliert.

9. Welchem Blog wird aus deiner Sicht zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt?
Pflasterritzenflora von Hans Ulrich Gresch. Wer zum ersten Mal hingeht: Es lohnt sich, auch die älteren Texte gründlich zu lesen.

10. Hund oder Katze? Warum?
Schwein. Wegen der Intelligenz, Genussfreude und gesunden Einstellung zur Sauberkeit…

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