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Freitag, 25. Oktober 2013

Was glaubt die Netzgemeinde?

Filed under: Stöckchen — 124c41 @ 18:04

Huch, ich bin jetzt so lange nicht mehr über Stöckchen gestolpert, und da vomiert ein Einhorn eines. Das muss ich ja gleich mitnehmen und hier vergraben, vielleicht wächst ja ein Regenbogen daraus… 😉

Was glaubt die Netzgemeinde

Woran glaubt die Netzgemeinde?

Die so genannte „Netzgemeinde“ besteht aus so genannten „Journalisten“, die Twitter mit dem Internet verwechseln und an Twitter glauben (und die stets die Eingeweide blauer Vögel befragen, um herauszubekommen, was das Netz denkt, damit sie etwas für ihre Zuschauer und Zuleser zu berichten haben, bevor die Zuschauer und Zuleser selbst in dieses Netz gehen); aus so genannten „Experten“, die Social Media mit dem Internet verwechseln und an Facebook glauben und ferner aus ganz vielen Spätgeborenen, die als religiöse Laien das Web mit dem Internet verwechseln und ganz fest daran glauben, dass sich ihre Erlösung im Browser offenbare. Unterdessen hat sich eine religiöse Reformbewegung wieder in die Katakomben zurückgezogen, deren Pforten sich nicht auf Port 80, Port 25, Port 110 oder bei Verwendung kompliziert gebauter Schlüssel auf Port 443 öffnen; sie führen ein Leben unter dem Obsoleten und dem kaum beachteten neu Geschaffenen und sie warten dort nicht auf ein messianisches Zeitalter, sondern erfreuen sich eines heiligen Miteinanders jenseits der alles besudelnden Ströme von Tracking und Reklame. Insbesondere unter den Katakombenkindern gilt es als Ehrensache, dass sich jeder seinen Glauben selbst zurechtzimmert. Der Vater von Jesus, der gar nicht der Vater von Jesus war, aber dessen Stammbaum als Stammbaum von Jesus herhalten musste, soll ja auch ein Zimmermann gewesen sein.

Was sind Werte im Netz?

Ganz ähnlich wie bei jeder etablierten Religion heißen die wirklichen Werte „Euro“, „Dollar“ und „andere Verrechnungseinheit des gesellschaftlichen Irrsinnes hier einsetzen“. Damit der Netzgott dieses Papier, das die Menschen irre macht, als Segen auf seine treuen Diener ergießt, gibts allerlei seltsame, von vernünftigen Menschen nur mit Kopfschütteln erträgliche spirituelle Konstruktionen. Denn wie Gott ist auch Netz nicht mit einer Druckmaschine für Banknoten ausgestattet und wirkt deshalb nur indirekt, im Moment vor allem durch seinen Allgescheiten Allsammelnden Alldurchwaltung Anstrebenden Diener Google, der mit seiner mechanischen Magie Werbeeinblendungen in Reibach und Suchen in Besucher verwandelt, letzteres vor allem, wenn er mit seltsamen Frömmigkeitstechniken, die unter dem Kürzel SEO zusammengefasst werden, gefügig gemacht wird. Andere wollen so genanntes „geistiges Eigentum“ vermarkten und aus diesem Grund nur beschränkt zur Verfügung stellen, was insofern obskur ist, als dass sie ihr „Eigentum“ doch einfach für sich behalten könnten, wenn sie es für sich behalten wollen. Die Katakombenkinder — die meisten sind übrigens über vierzig Jahre alt, und viele von ihnen sehr deutlich — hingegen, sie setzen nach wie vor auf ein fundamentalistisches Wertesystem, das neben den Wertschöpfungsideen herläuft und sich nur selten mit ihnen überschneidet, sie praktizieren ein Miteinander des freien Gebens und Nehmens, dessen tägliche Erfahrung ihnen von Außenstehenden meist spöttisch als eine „Spinnerei“ erklärt wird.

Gibt es Rituale im Netz?

Jede Menge, mehr und häufiger als in jeder anderen Religion. Vor allem, wo die Werte (also alles, was sich in Geldbeträgen ausdrücken lässt) besonders hoch geachtet werden, ist das tägliche — und in Härtefällen sogar stündliche — Ritual des Blicks in die Zugriffsstatistiken eine zwar sinnlose, aber für tief Gläubige gleichsam unverzichtbare Begleitung der anderen Frömmigkeitspraktiken. Wichtig ist auch der regelmäßige Blick in die Eingeweide blauer Vögel, um herauszukriegen, welche Themen gerade „vom Netz“ für relevant erachtet werden, damit man sich in die Pose des Sascha Lobo¹ schmeißen kann und dann etwas zum Thema für diejenigen beitragen kann, die lieber etwas anderes tun, zum Beispiel an ihrem Gemächte herumspielen, und deshalb nicht regelmäßig in die Eingeweide blauer Vögel schauen und es deshalb für wahnsinnig aktuell, belesen und informiert halten — denn das bringt Besucher, und die Besucher bringen Werbepfennige. Wenn die Eingeweide des blauen Vogels besonders unruhig werden — etwa nach einem überdurchschnittlich dummen Wort eines Prominenten aus Politik, Glotze und Presse oder nach einem überdurchschnittlich dreisten Versuch eines BRD-Abmahnanwaltes im Aufrage eines Verwursters so genannten „geistigen Eigentums“, dann entlädt sich ein regelrechter Sturm aus Scheiße aus dem blauen Vogel, und jeder muss zusehen, dass er etwas davon auffängt und schnell mit seiner Stimme wiedergibt. Priester nennen diese vogelgeleitete Kommunikation „Schwarmintelligenz“.

Gibt es einen Netzgott, die größte Sünde im Netz? Wenn ja, welche?

Das Netz ist Gott. Niemand versteht es, es durchwirkt alles. Wie ein sich formender Feenstaub aus einer märchenhaften Parallelwelt schafft es Wunder. Die größte Sünde im Netz — die übrigens dank der weisen Allmacht des Gottes Netz zu einem sofortigen Verlust von Segen, Besuchern und Werbeeinnahmen führt — ist die Kombination aus Ruhe, Nachdenklichkeit, Langsamkeit, Schönheit und Stil. Die zweitgrößte Sünde in der Macht des Netzes ist der Versuch, Konzepte der Dampfmaschinen und Autobahnen auf das Netz zu übertragen, etwa, indem man Menschen ähnlich an eine Zeitungswebsite binden will wie Abbonenten an eine gedruckte Zeitung, um ihnen, nachdem man ihnen den vergifteten Keks dieser Selbstbeschränkung in den Rachen gehauen hat, Geld für diesen Verlust der Vielfalt abzuknöpfen. Leider führt diese zweite Sünde nicht zum sofortigen Verlust der Geschäftsgrundlage, sonst wäre das Presse- und Fernsehzeitalter längst beendet worden. Aber der Netzgott lauert auf sein Armageddon, und es wird blutig für die Ungläubigen, während die Kinderwachsenen aus der Generation Facebook ihre Stiefel im Schnee proben und im strammen Rhythmus erhobener Daumen blind in die Mühlen künftiger Geschäftsmodelle marschieren werden, hinein in das Soziale 2.0, eine Maschine, die die Massen zu lauter gleichen Zielgruppen-Würstchen verarbeitet. Das kleine Heer der Erlösten, die nicht den breiten Weg gegangen sind, wird von den Schergen der NSA in Konzentrationslager (oder in die zum Verwechseln ähnlichen psychiatrischen Kliniken) verfrachtet oder ermordet werden — und es ist sich dabei gewiss, Zeugnis abgelegt zu haben, Zeugnis für die Möglichkeit eines anderen Lebens, ein kraftloses, leises Wort, ohne Wirkung verhallt in der medialen Echokammer der Herrschenden und Besitzenden, doch ein Zeuge für die nach uns kommenden Kakerlaken.

Woran glaubst du?

Ich glaube an die Dreieinigkeit. Das heißt: Ich glaube an die Dummheit des Individuums, die Dummheit der Massen und die Vermeidung jeder Strebsamkeit, die mit geistiger Anstrengung verbunden ist. Ich glaube, diese Drei sind Eins, und dieses Eins sind Drei, und alles für Menschen Seiende erscheint in diesem Dreieins, denn in diesem Einsdrei erscheint alles für Menschen Seiende. Ich glaube an den bewusstlosen Taumel durch die beschränkte Lebenszeit. Ich glaube an die Macht der Illusion des so genannten „freien Willens“, die den Kettensklaven seine Kette lieben macht. Ich glaube an die Kraftlosigkeit der Einsicht, die den Verstehenden irgendwann trotz großen Widerwillens lehrt, dass das Verstehen in sich selbst genug haben muss. Ich glaube an das Geld, das den verrottenden Leibern seinen Stempel aufdrückt und ihnen die Fähigkeit zum Lieben und zum Hassen raubt. Ich glaube an die Psyche, die den gesamten gesellschaftlichen Prozess mit ihrer eisigen, mechanischen Kälte durchwirkt. Ich glaube, dass dem Bewusstlosen ein bisschen leicht durch mechanische Stimulation auszulösendes Wohlbefinden ein vollwertiger Ersatz für Wahrheit ist. Ich glaube an die Evolution, die diesen vorübergehenden Irrsinn ohne irgendwelche Gefühle hinwegkehren wird, so oder so, scheiß drauf, wie wir das finden. Ich befürchte, dass das Großhirn unterliegen wird. Schon lange vorher, ja, schon jetzt hat es verloren. Ferner glaube ich an THC, MDMA, LSD, Heroin, Haloperidol, Alkohol und die tägliche Kanne Kaffee, die Droge der Müden und Ermatteten, die sich auf ihrer Weltflucht in die Eingeweide der Maschinen begeben mussten, weil ihnen kein anderer Platz mehr zum Atmen blieb. Ich glaube an die völlige Sinnlosigkeit allen Seins, und ich höre täglich ihr Lachen, so laut, dass ich nicht anders kann, als darin einzustimmen, wirre Bilder singend einzustimmen, mit mechanischen Anordnungen von immer wieder unabgeändert wiederholten Klängen begleitet einzustimmen mit der ganzen Macht der Maschine, die das Leben langeschon aufgegessen hat:

Amen.

¹Sorry, Herr Lobo, aber ihr Name fiel mir gerade so ein. Nehmen sie es nicht so eng…

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