Hol das Stöckchen!

Dienstag, 6. Januar 2009

(Schnee und ein) Stöckchen….

Filed under: Stöckchen — 124c41 @ 06:21

Zwischen Wahn- und Irrsinn scheint auch beim Fellmosterchen immer noch ein kleines Stöckchen zu passen. Na, denn mal fröhlich los!

1. Würden Sie sich selbst heiraten?
Aber immer doch. Ich habe mit mir selbst ja schon regelmäßigen und sehr befriedigenden Sex, so dass dieser Teil der Beziehung gesichert scheint. Zudem kenne ich keine großen Konflikte und keine kleinen Streitereien mit mir selbst, nicht einmal in weltanschaulichen oder politischen Fragen. Das ist ein weiterer klarer Vorzug der Selbstehe gegenüber der Fremdehe. Ansonsten gibt es Decken und Wärmflaschen.

2. Was richtet mehr Schaden an: schonungslose Aufrichtigkeit oder Unehrlichkeit?
Als Mosche vom Berge herabstieg, kam er mit zehn Geboten, die heute noch jeder im Munde führt und die doch keiner kennt. Nur die Hälfte dieser Gebote hat etwas mit dem menschlichen Miteinander zu tun, und nicht einmal dieser Teil ist jenen bekannt, die darin vorschnell eine gute Richtschnur für das Miteinander sehen. Anders, als die meisten denken, ist die Lüge darin nicht verpönt, wohl aber der Neid. Und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, muss ich feststellen, dass blinder, zur Gehässigkeit leitender Neid viel mehr Schaden als Aufrichtigkeit und Lüge zusammen angerichtet hat.

3. Welchen Ersatz haben Sie für den Verlust ihrer Schönheit?
Selbstbetrug.

4. Was tun Sie als erstes in einer fremden Stadt?
Ich besorge mir einen Stadtplan und eine Übersicht des Nahverkehrs. Ich versuche, mir einzuprägen, an welchen Stellen umgestiegen werden kann, und ich werfe einen oberflächlichen Blick auf die Namen der Stadtteile und ihre Lage. Dann gehe ich dort eine Stunde zu Fuß durch die Innenstadt und höre mir an, wie die Umgangssprache klingt. Wenn sie mir nicht gefällt, sehe ich zu, dass ich so schnell wie möglich wieder wegkomme — deshalb findet mich auch niemand mehr in Berlin. (Und wegen des Nahverkehrs. Und wegen des Stadtplans. Und wegen Potsdam. Und wegen der Reichsfernstraße 1.)

5. Sie müssen wählen: Ihr Heimatland für immer zu verlassen – oder es nie wieder verlassen zu können. Was tun Sie?
Da ich meine Heimat schon lange verloren habe — sie wurde an Stadtplaner verkauft und mit stetem Denken an den Markt und an die Mark im Kopfe gründlicher zerstört, als das selbst die Bomben des Zweiten Weltkrieges hinbekommen hätten — ist die Entscheidung leicht. Nix wie weg von hier, hinfort fernhin vom Ort der Verwüstung.

6. Was denken Sie: haben sie den schönsten Tag ihres Lebens bereits hinter oder noch vor sich?
Ich habe ihn hinter mir, und ich habe das an diesem Tag sogar bemerkt. Ich feiere den Jahrestag bis heute.

7. Sie könnten eine Million für sich bekommen oder zehn Millionen für einen guten zweck spenden.
So etwas gehe ich politisch an, indem ich eine Hilfsorganisation gegen den Hunger in der Welt gründe, der ich die zehn Millionen spende. Als Gründer übernehme ich natürlich die ganze Verwaltungsarbeit und zahle mir dafür eine Entlohnung in ungefährer Höhe der Hälfte des Spendenaufkommens. Auf diese Weise wird wenigstens mit der Hälfte des Geldes der Hunger in der Welt bekämpft, indem ich mich daran fettfresse — die andere Hälfte versickert in den üblichen, dunklen Kanälen, während Werbebilder mit fliegengezierten Kindsgesichtern den modernen Ablasshandel befördern.

8. Welcher Tag der Woche ist Ihnen der liebste?
Der ruhige, warme, stress- und sorgenfreie Tag, egal, wie er dabei heißt.

9. Was finden Sie an sich banal?
Dass mir die besten Ideen kommen, wenn ich unterwegs bin, einen Fuß vor den anderen setze und dabei ein fröhliches, monotones Liedchen auf den Lippen habe. Das ist so gar nicht die große geistige Bewegung, die andere mit dem hehren Wort von der Kunst verbinden.

10. Wonach riecht Ihre Kindheit?
Nach Kohleheizung (Schleppwärme), Dreck, Alkohol und toten Nagetieren.

11. Welches Lied würden Sie ihrem liebsten Menschen vorsingen?
Ich sänge nicht selbst, sondern ließe singen. Ich schnappte mir den Menschen, setzte mich mit ihm an ein schönes Schlammloch und lauschte mit ihm zusammen dem Summelsang der felligen Mordhummel, dem Geplärr der unentwegten Vögel, dem sehr niederfrequenten Knirschen der Kontinentaldrift. So säßen wir stumm und unsere Augen folgten der blenden Sonne auf ihrer Wanderschaft. Wer will da noch singen?

12. Wofür würden Sie in zehn jahren gern mehr Zeit haben?
Für das Rauchen, Fressen und Schlafen.

13. Lachen Sie auch, wenn sie allein sind?
Ja. Sogar viel häufiger, als wenn ich von meinen humorlosen, krampfumschlungenen Zeitgenossen umgeben bin.

14. Haben Sie in Ihrem Leben genug Liebe bekommen?
Nein. Ich versuche das auszugleichen, indem ich anderen viel Liebe gebe, obwohl nichts zurückkommt.

15. Wie sehen Sie sich auf alten Fotografien?
Ich habe mich immer geweigert, mich fotografieren zu lassen. Ich fand dieses Bannen eines Menschen in ein Bild widernatürlich, gewaltsam, respektlos. Dennoch gibt es einige dieser Bilder, und ich kann nur hoffen, dass ich in Wirklichkeit anders aussehe oder ausgesehen habe als der darauf fixierte Zombie.

16. Würde Ihre Partnerschaft es überstehen, wenn einer von Ihnen für ein Jahr am anderen Ende der Welt leben würde?
Meine Partnerschaft mit mir selbst würde das nicht überstehen, sie stünde vor einer Zerreißprobe. Und eine andere Partnerschaft gibt es in meinem Leben nicht. Aber gäbe es sie, würde sie ebenfalls von einer solchen Situation zerrissen — und jeder, der eine solche Situation herstellt, könnte sich meiner tiefen und mordgeilen Feindschaft gewiss sein. Entfernungen spielen eine Rolle.

17. Ist Erfolg eine Illusion?
Und vor allem: Ist eine gute Illusion schon ein Erfolg? Oder macht man das „Erfolgreiche“ einer Illusion davon abhängig, dass dieser „Erfolg“ in der recht illusionären Größenordnung des Geldes bemessen werden kann? Was eine „Illusion“ ist, weiß ich als Mensch genau, was alles ein „Erfolg“ sein soll, hingegen nicht.

18. Haben Sie heute schon etwas geteilt?
Ja, eine bisschen von meinem Krümeltabak für jemanden, der nicht einmal mehr das hatte. Auch ein Wort, das aus klirrem Himmel in mich fiel, das Wort von der „Eisbrust“. Technisch steht ein Großteil meines Schaffens zur freien Verfügung, es wird ständig geteilt — aber kaum jemanden interessiert es.

19. Was wünschen Sie sich für Ihr Leben?
Dass ich der erste Nuklearterrorist werde — dann könnte ich auch das Problem mit Berlin einer eleganten Lösung zuführen.

20. Macht es die Tatsache, dass Sie etwas vorher noch nie getan haben, reizvoller oder weniger reizvoll, sich darauf einzulassen?
Vor allem macht mich diese Tatsache unsicher, und diese Unsicherheit kann mir an trüben Tagen schon ein bisschen die Laune am Tun versalzen. Vor allem, wenn sie noch vor jedem Tun im rasenden Rollen des Kopfkinos abgespielt wird, bis man gar nicht mehr so genau weiß, was denn nun eine unvoreingenommene Herangehensweise ist. Ist diese Wahninstanz erst einmal ein Selbstversorgungssystem im Kopfe, so ist an Handeln nicht zu denken. Ich behelfe mir, indem ich mich im totalen Denkverzicht übe. Und Übung macht den Meister.

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2 Kommentare »

  1. mich hat das wort „schleppwärme“ auf dein blog geführt. kachelöfen sind körperheizungen, na klar (das ist auch das schöne daran); aber schleppwärme? was bedeutet das? ist das für dich ein negativ besetztes wort? kannst du dich erinnern, wann du es zuerst gehört hast?

    sprachneugier geweckt 🙂
    ~jo

    Kommentar von johannes — Freitag, 16. Januar 2009 @ 22:35 | Antwort

  2. „Schleppwärme“ bezeichnet ganz einfach die Tatsache, dass man (im Gegensatz zu den damals auch bei ärmeren Menschen immer häufiger werdenden Zentralheizungen) bei einem Kohleofen die Kohle aus dem Keller holen muss, bevor es warm wird. Das Wort entstammt dem Soziolekt armer Menschen in Hannover, ich habe es das letzte Mal zum Anfang der Achtziger Jahre gehört. Aber verstanden wird es von den Älteren, die in dieser Sprache gelebt haben, immer noch. (Älter meint hier: über 40 Jahre.) 😉

    Das Wort ist ebenso wenig „negativ“ wie die ganzen anderen, teilweise fröhlichen deutschen Neologismen, die gebildet wurden, bevor die Menschen damit anfingen, mehr Englisch zu reden als sie Deutsch können, zum Beispiel „Bratzpappe“ (für Klopapier), „Hungerpeitsche“ (für eine Angel), „Schluck“ (für alkoholische Getränke), „Rotzfahne“ (für ein Taschentuch) und viele andere mehr. Und das Wort „negativ“ hat mir noch nie gefallen, ich sage lieber ohne angeschiene Objektivität, dass mir etwas nicht gefällt. Das liegt — so glaube ich — an einer Sozialisation, die eine klare Ausdrucksweise gepflegt hat… 😉

    Ich hoffe, das hat die Neugierde gesättigt.

    Kommentar von Elias — Freitag, 16. Januar 2009 @ 23:00 | Antwort


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