Hol das Stöckchen!

Mittwoch, 14. Mai 2008

Stöckchen

Filed under: Stöckchen — 124c41 @ 01:07

Was für ein einfallsloser und doch klarer Titel für ein Stöckchen!

Eben im Tagebuch der Wilden Rose gefunden und schnell und heimlich danach geschnappt, um wieder ein Stöckchen hier zu verbuddeln.

1. Was dachtest du zuerst, als du heute morgen in den Spiegel gesehen hast?

Der Bart wird grauer und grauer, und ich habe keine scharfe Rasierklinge mehr. Irgendwie muss ich in den nächsten Tagen mal wieder einen Euro zusammenbetteln.

2. Wie viel Geld besitzt du momentan?

Ziemlich genau 80 Cent in sehr kleinen Münzen.

3. Nenne ein Wort, das sich auf „Schlüssel“ reimt!

Rüssel.

4. Lieblingsplanet?

Der liebste Planet wäre mir immer noch der, wo ich als Mensch unbedrängt und frei von unnötiger Angst leben könnte. (Die Angst vor dem Tod ist nicht vermeindbar, für niemanden, egal, was er sich einredet.) An sich sollte das ja der Erde sein, aber sie ist es nicht. Und wo dieser Planet ist, ich weiß es nicht. Ich wusste schon immer, dass ich zum Auswandern eines Raumfahrzeuges bedarf.

5. Wer ist die vierte Person auf der Liste für verpasste Anrufe in deinem Handy?

Ich habe kein Taschentelefon.

6. Was ist dein Handyklingelton?

Ich habe kein Taschentelefon. Aber hätte ich eines und müsste mir einen Klingelton auswählen, so machte ich ihn mir selbst. Vermutlich nähme ich hierzu eines meiner Stücke aus Maschinengeräuschen als Grundlage, würde es aber stärker komprimieren, damit es besser für diese Verwendung geeignet wäre. Zum Glück stehe ich nicht vor solchen Problemen, und zum Glück bleibt es in meiner Tasche ruhig.

7. Was für ein Shirt trägst du gerade?

Ein einfaches T-Shirt, dass einmal schwarz war, nun aber durch die Wäschen und die Jahre grau geworden. Es ist trotz seines Alters von über 10 Jahren noch nicht auseinander gefallen, anders als alles, was ich heute kaufen könnte. (Und es war, wie es sich dem armen Menschen geziemt, ein billiges Shirt, dass mich höchstens fünf Mark gekostet.) Darauf als neckisch weiße Pünktchen die Schuppen, die aus meinem Barte fallen und mich daran erinnern, dass ich dringend Rasierklingen benötige.

8. Was liegt direkt vor dir?

Eine Tastatur, ein alter, unscharfer Monitor, ein Mauspad und ein Notizbuch mit Ideen.

9. Nenne eine Person, die dir spontan einfällt!

Andreas. Er fällt mir oft ein, der Andreas. Damals, als ich noch jung war, da gab es ihn noch; aufgewachsen in Zuständen, die der flüchte Blick als wohlbehütet bezeichnen würde. Sicher, Geld war da, anders als bei mir. Aber Geld ist nicht alles, und Andreas verkümmerte an der Seele. Wie viele Stunden saßen wir zusammen, tauschten Gedichte aus, sprachen einfach nur, weil er nirgends anders sprechen konnte! Er starb durch Selbstmord. Er war nicht der letzte meiner Freunde, die sich zum Freitod entschlossen. Er hat es hinter sich und muss nicht mehr erleben, was jetzt über die Gesellschaft abläuft.

10. Ist dein Zimmer hell oder dunkel eingerichtet?

Ich habe kein eigenes Zimmer, bin obdachlos und mal hier und mal dort. Da, wo ich jetzt bin, ist die Tapete weiß und die Wände behangen mit Kitsch. Das wirkt hell, ist aber finster. Gleichzeitig.

11. Trägst du gerade Nagellack?

Aber nein doch… 😉

[Die Nummer 12 fehlt im Original, und ich kann nicht erraten, was dort gestanden haben könnte.]

13. Was hast du um Mitternacht gemacht?

In einem ziemlich matschigen See auf meinem Wege gebadet, der (vielleicht wegen der eher dünnen Schicht Wasser über dem dunklen und sehr zähen und anhänglichen Schlamm) vieles von der Wärme des Tages gespeichert hatte und mich anschließend darüber gewundert, dass man aus solchem Gewässer weitaus dreckiger hervorsteigt als man hineingeht.

14. Was steht in der letzten SMS, die du bekommen hast?

Kein Taschentelefon, also auch keine SMS. Angesichts der astronomischen Kosten dieser Form der Kommunikation würde ich es auch extrem dumm finden, in dieser Form zu kommunizieren.

15. Wie ist deine Hausnummer?

Keine Wohnung, also auch keine Hausnummer. Aber in einer Welt freier Wahl hätte ich ein Haus ohne Nummer, das allein und unbedrängt vom röhrenden Lärm der Straßen herumsteht.

16. Welche Wörter benutzt du oft?

Das sind einige. Am meisten fallen mir die sprachlichen Fehler auf, die ich beim Tingeln durch Deutschland mitgenommen habe und nicht mehr rauskriegen kann, nicht einmal aus meiner Schriftsprache. So sage ich süddeutsch falsch „bräuchte“ als 1. Pers. Sing. Konj. von „brauchen“ an Stelle von „brauchte“, wie es eigentlich jeder in Norddeutschland korrekt täte, würde ein penetrant süddeutscher Dialekt nicht durch des Fernsehens stinkende Kanäle in jedermenschens Ohr getragen. Die Wörter der regelmäßigen Benutzung fallen mir hingegen kaum auf, es sind so Allerweltswörter wie „Ich“, „Gott“, „Wetter“, „gib“, „Hast du“. Die nicht gebräuchlichen Wörter hingegen, die ich häufiger als mein Umfeld gebrauche, sind alle etwas sondersam. Zum einen spiegeln sie in ihren jiddischen Ursprüngen den Soziolekt des Ghettos wider, dem ich enthüpfte; es sind Wörter wie „Tinnef“, „Meschugge“, „Maloche“, „Ische“, „Mogeln“, „Ganove“, „Mischpoke“, „Schlamasl“ und dergleichen. Dies wird ergänzt um ebenfalls aus dem Ghetto stammende kompositorische Neologismen wie „Hungerpeitsche“ (für Angel), „Bratzpappe“ (für Toilettenpapier), „Deppensteuer“ (für das staatliche Lotto) oder „Ghettobrause“ (für Bier) und viele weitere, die ich gern durch eigene Bildungen wie „Dumpfmeister“ (ein Schimpfwort) oder „Idiotenlaterne“ (für den Fernseher) erweitere. Ergänzt wird dieser aufdringlich nach Unterschicht duftende Wortschatz um typische Ausdrücke des hoffnungsfreien Proletariats wie „Fluppe“ (für Zigarette), „Kanne“ (für eine Flasche Bier), „Arschloch“ (für einen Kaufmann oder Politiker). Eine vollständige Auflistung solcher Sondersamkeiten würde dieses Blog explodieren und meine Finger verglühen lassen. Aber um so richtig sonderlingsmäßig in solchem Sprachgebrauch zu wirken, verpacke ich solcherart Wörter in einer Sprache, die grammatikalisch korrekt und eher etwas kompliziert ist, was immer wieder dazu führt, dass Menschen mich sehr ernst zu nehmen beginnen, bevor ich ihre Gesichter in ein widerwilliges Grinsen entgleisen lasse.

17. Wer hat die zuletzt gesagt, dass er dich liebt?

Es hat schon lange keiner mehr versucht, mich zu belügen.

18. Was war das letzte pelzige Ding, was du angefasst hast?

Das war Tabby, die fette, schwarze Katze von Claudia, die so richtig katzenhaft niemals kuscheln will, wenn einem danach zumute ist.

19. Wie viele Drogen hast du in den letzten 3 Tagen zu dir genommen?

Ein Zug an einem Joint und Unmengen geschnorrter Zigaretten.

20. Zitiere den Refrain des Songs, den du gerade hörst / gerade gehört hast!

Na, gerade gehört ist gut. Ich habe tagelang keine Musik mehr gehört, jedenfalls nicht freiwillig. Das letzte, was ich freiwillig gehört habe, war das Moorsoldatenlied, gesungen von Hannes Wader (auf einer Sammlung von Arbeiterliedern), und der Refrain eines solchen Volksliedes sollte ja eigentlich jedem bekannt sein. Na ja, in trüben Zeiten kann man nicht einmal so etwas voraussetzen.

Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten
ins Moor

21. Das beste Alter, was du bis jetzt erlebt hast?

Das Alter vor meiner Zeugung.

22. Dein schlimmster Feind?

Das Publikum bei meinen Lesungen.

23. Was ist dein Desktophintergrundbild?

Ein Fraktal, gebildet durch die Iteration der komplexen Cosinusfunktion.

24. Was war das letzte, was du zu einer Person gesagt hast?

Lass es Dir gut gehen. (Das ist mein ganz normaler Wunsch zum Abschied.)

25. Wenn du die Wahl hättest, zwischen fliegen können und eine Million Euro, was würdest du nehmen?

Ich kann beides nicht gebrauchen. Aber vom rein wirtschaftlichen Standpunkt her denke ich, dass ich mit meinen Auftritten als fliegender Mensch weit mehr als eine Million Euro verdienen könnte, deshalb ist das eine recht dumme Frage, die nur dazu dient, eine ebenso dumme und gedankenlose Geldgier zu offenbaren.

26. Magst du jemanden?

Ich mag eigentlich jeden Menschen. Die Einschränkung ist das „eigentlich“, denn die gesellschaftliche Deformation der meisten Menschen macht es schwer, sie zu mögen. Einige besonders renitente Kinder zeigen mir noch etwas eigentliche Menschlichkeit, und die mag ich besonders gern. Das unterscheidet mich von ihren Eltern.

27. Welchen Song hörst du gerade?

Gar keinen.

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